Gotthard am Gotthard

Bassist Marc Lynn kann sich genau erinnern: „Der Berg Gotthard war immer mein Tor zu GOTTHARD – ich wohnte in Luzern und fuhr zwei bis drei mal pro Woche zu den Proben ins Tessin. Bei schönem Wetter über den Pass, bei schlechtem durch den Tunnel.“ Schon damals fuhr Marc mit dem Motorrad und schon damals träumte er davon, einmal auf dem 2091 Meter hoch gelegenen Alpen-Pass St. Gotthard – oder San Gottardo, wie die Tessiner sagen – ein Open-Air Konzert zu spielen. Ein Traum, den er mit den anderen Musikern von GOTTHARD teilte. Ein Traum, der am 16. August 2008 endlich in Erfüllung ging, im Beisein von über 7000 Besuchern, mit 3500 wunderschönen Motorrädern, bei strahlendem Sonnenschein und einer Stimmung, wie man sie sich rockiger nicht wünschen konnte.

Dem Konzert war eine mehr als einjährige Vorbereitungszeit vorausgegangen. „Im Grunde waren es mehrere Jahre, in denen wir immer wieder davon sprachen, dass wir das machen wollten“, präzisiert Marc. Er hatte schon die fantastischsten Ideen ausgebrütet, mit einer Bühne mitten im See an der Passhöhe – dem Lago della Piazza – oder an Seilen in eine Schlucht gespannt. Manches scheiterte an Naturschutz-Auflagen, anderes an so einfachen Dingen wie der maximalen Länge von Elektro-Verkabelungen. „Aber wir sind dran geblieben“, lacht Marc und blickt stolz zur Bühne, direkt bei der Statue des Heiligen Godehardus.

Dass GOTTHARD am Gotthard das erste Open-Air-Kozert in der Geschichte dieser Passhöhe spielen konnten, dazu brauchte es nicht nur den Einsatz der Musiker selbst. Nein, es waren noch andere engagierte Menschen und ihre Träume nötig. Noldi Abplanalp vom Gasthaus „San Gottardo“ etwa, ein alter Bekannter der Jungs, der die richtigen Kontakte zu Naturschutz und Behörden einfädelte. Und Michael Pedratscher von der Firma Harley-Davidson, der die Idee hatte, das 25-Jahr-Jubiläum der H.O.G.S. – Harley Owners Group Switzerland – auf der Gotthard Passhöhe mit GOTTHARD zu feiern. „Ein eigens dafür gegründetes Organisations-Komitee hat über ein Jahr lang dafür gearbeitet“, erzählt Michael Pedratscher. „Und der Aufwand hat sich gelohnt“, fügt er hinzu und strahlt mit dem Chrom der Motorräder um die Wette.

Früh am Morgen des 16. August – bei Temperaturen fast beim Gefrierpunkt und bei teilweise dichtem Nebel – sind die Aufbauarbeiten von Bühne und Instrumenten schon abgeschlossen. Schliesslich donnern bereits um 10:00 die ersten schweren Harleys auf die Passhöhe – die Nebel lichten sich und der versprochene blaue Himmel erscheint – unglaublich, denn an den Tagen zuvor hat es immer wieder geregnet und auch am Tag danach wir es wieder trüb sein. Die ersten Harleys stehen zur Bewunderung bereit auf eigens reservierten Parkplätzen. Auch andere Marken sind willkommen, es soll einfach ein einziges, grosses Fest werden. Für 12:00 ist Motorrad-Segnung mit dem Biker-Pfarrer Charly Wyss angesagt. Marc Lynn begrüsst vorher noch alle Anwesenden im Namen von Gotthard und dankt den Veranstaltern. Drei Alphörner auf der Rock-Bühne – unplugged – sind ein Extra-Gag, der schon mal richtig Stimmung macht.

Seit vier Jahren sind die Musiker von GOTTHARD mit der Firma Harley Davidson eng verbunden. Sie liessen es sich denn auch nicht nehmen, an der Spitze eines donnernden Motorrad-Corsos selbst mit ihren Harleys vom Tessin aus auf der Passhöhe einzutreffen. Nur Marc Lynn fuhr nicht die gesamte Strecke mit – er hatte sich ja beim Motorrad-Sicherheitstraining vor einigen Monaten schwer verletzt und wollte sein frisch verheiltes Knie keiner Unterkühlung aussetzen. „Ich war beim Training zu sehr an die Grenzen gegangen“, gesteht Marc, „Das habe ich bitter gebüsst. Es ist schon sehr hart, wenn man im Bett liegt und per SMS mitbekommt, wie toll wieder ein Konzert gelaufen ist und selbst war man nicht dabei.“ Dafür strahlt Marc jetzt um so mehr, als er mit uns beim Interview am Biertisch sitzt, zusammen mit seinen Eltern und seiner Freundin. Man spürt, er ist hier zu Hause. Man spürt, er freut sich riesig, dass seine Idee endlich Wirklichkeit geworden ist und dass er es geschafft hat, mit zwei mal wöchentlichem Training wieder so weit fit zu sein, dass er auf der Bühne mitspielen kann.

Auch Leo und Freddy, die beiden Gitarristen, sind fröhlich drauf. Leo geniesst es, hier seinen Tessiner Dialekt sprechen zu können. Steve kommt geduldig seinen Pflichten gegenüber den Medien nach – drei Fernsehanstalten sind angereist. Das erste Open-Air-Konzert an der Gotthard-Passhöhe – mit GOTTHARD – das will sich niemand entgehen lassen. Um 16:30 – nach den Supporting Acts von Pegasus und Gölä – ist es so weit: Man hört das unverwechselbare Grollen von Harley Davidson-Motoren und das typische Läuten an einem amerikanischen Bahnübergang. Es wird lauter – und dann sind sie auf der Bühne. Hena pumpt die ersten Rhythmen in sein Schlagzeug, Leo rockt los und ab geht’s mit „Master of Illusion“. Nach dem zweiten Song, „Gone too Far“ begrüsst Steve die Zuschauer in den Schweizer Landessprachen Deutsch, Französisch und Italienisch. „Top of the World“ passt natürlich perfekt, und Steve jubiliert: “Such a beautiful place – let’s have fun on Top of the Gotthard.” Alle Songs klingen, als wären sie speziell für dieses Konzert noch etwas rockiger und härter angelegt worden. Es gibt dramatische Intros, virtuose Soli, schöne Riffs, exzellente Chorsätze und entspannte Tempi. Steve und Leo spiegeln sich bei einem Scat-Gitarren-Duo in den höchsten Tönen, so dass man es sicher bis zum Fuss des Gotthard hören kann. Kurz, wer die Live-CD „Made in Switzerland“ als inspiriert und speziell empfunden hat, hört hier noch etliche Zacken mehr von jenem Können, welches eben nur aus 18 Jahren geduldiger Team-Arbeit von Top-Künstlern entstehen kann. GOTTHARD at their very best – härter und trockener denn je. Deep Purple muss sich warm anziehen, wenn sie im Herbst nach diesen GOTTHARD auftreten.

Wir treffen GOTTHARD-Fans aus Deutschland: Thomas, Andrea, Isabell und Steffen sind 400 Kilometer weit angereist. Auch Wolfgang aus Stuttgart ist hier, im roten GOTTHARD -T-Shirt und einem einrasierten Schweizer-Kreuz an der Schläfe. Ganz gespannt sind auch Yves und Bruno aus Liechtenstein – knapp 20 und Riesen-Fans von „echtem Rock“, wie sie sagen. Veronica und Paolo, Harley-Fahrer aus Florenz, sind extra wegen GOTTHARD angereist. Martin und Doris aus München sind mit ihren Harleys am Vortag durch Schneegestöber am Oberalppass gefahren, nur um GOTTHARD zu sehen: „Wir sind seit 10 Jahren treue Fans“, sagt Doris. Die weiteste Strecke hat wohl eine Gruppe vom H.O.G.-Chapter Sevilla, Spanien, zurückgelegt. 3’400 Kilometer nahmen sie unter die Räder, um an diesem durchaus historischen Tag dabei zu sein.

Der St. Gotthard ist nicht nur eine von GOTTHARD vielbefahrene Strecke, er gehört zu den am meisten frequentierten Nord-Süd-Verbindungen Europas. Seit dem 13. Jahrhundert gibt es diese Verbindung. Das Gotthardmassiv ist so etwas wie das Zentrum Europas – gleich vier Flüsse entspringen an seinen Höhen, der Rhein, die Reuss, der Tessin und die Rhone. Der Gotthard verbindet die vier Sprachregionen der Schweiz – Deutsch, Französisch, Italienisch und Rätoromanisch. Bereits im 15. Jahrhundert überquerten jährlich etwa 10’000 Personen und 9’000 Saumtiere den Pass. Da der Weg nicht überall gleich breit war, kam es schon damals zu Kolonnen und Staus.

Die allwöchentlichen Stau-Durchsagen vom Gotthard – am Freitag in Richtung Süden, am Sonntag in Richtung Norden – sind aus dem Schweizer Radio nicht wegzudenken. Manche Fans von GOTTHARD freuen sich ja insgeheim über diese ständigen „Werbedurchsagen“ für ihre Lieblinge. GOTTHARD ist in der Schweiz so ein Begriff, dass die Gruppe und ihre künstlerischen Verdienste und Auszeichnungen sogar im Gotthard-Museum an der Passhöhe erwähnt sind, wo es sonst nur um den beschwerlichen Bau von Strasse, Bahn und Tunnel geht.

Heute sind es neben den Touristen vor allem die Motorrad-Fahrer, welche vom Lago Maggiore die Leventina entlang bis Airolo über den Gotthard nach Göschenen, ins Tal der Reuss und bis zum Viewaldstättersee fahren. Viele von ihnen wählen nicht die moderne Pass-Strasse, sondern die zwischen 1827 und 1830 erbaute Tremola, eine gemauerte Strasse mit Kopfsteinpflaster-Belag. “Tremolare” ist Italienisch für “zittern, beben” und das tut man ausgiebig, wenn man diese Strasse befährt.

Kurz: GOTTHARD am Gotthard, das war das schönste Fest, das man sich nur wünschen konnte. Und wenn man als Fan so recht darüber nachdenkt, dann haben Harley Davidson und GOTTHARD auch noch Einiges gemeinsam. Man weiss bei beiden, was man hat. Sie sind nicht modisch, aber vollkommen up-to-date. Sie wollen nicht die Schnellsten sein, eher die Beständigsten. Und sie klingen einfach unverwechselbar. Erdig, rauchig und ein bisschen nach Sünde, ohne weh zu tun. Denn was sie wirklich an Empfindung rüberbringen, ist Fun, Fun, Fun. Das gute Gefühl, angekommen zu sein. Am Gotthard. Bei GOTTHARD. Und was hat Marc Lynn für einen Biker-Gruss parat? „Ride Safe, Feel free.“ Amen.

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About Elisabeth Schabus (477 Articles)
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